
Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund: Tipps, Spiele & Co.
Wie können Erzieher Kinder mit nicht-deutscher Herkunftssprache bestmöglich unterstützen, wenn ihr Wortschatz im Deutschen noch sehr begrenzt ist? Welche Herausforderungen entstehen dabei für die pädagogischen Fachkräfte und wie lassen sich diese überwinden? Die Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund stellt viele Kitas vor eine große Aufgabe – dennoch bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, um die sprachliche Barriere zu verringern und die Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung zu fördern.
Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund: Welche Vorteile hat Mehrsprachigkeit in der Kita?
Mehrsprachige Kinder sind eine Bereicherung für die gesamte Kita-Gruppe. Schließlich lernen die anderen Kinder so schon früh, dass es andere Kulturen mit eigenen Sprachen gibt, was die interkulturelle Kompetenz fördert. Für die Kinder sind die Sprachbarrieren oft nicht wirklich problematisch – sie finden im Spiel ihre Wege miteinander zu kommunizieren.
Außerdem können die Kinder voneinander lernen und bekommen schon früh ein Gefühl für andere Sprachen, was das Erlernen von Fremdsprachen später vereinfachen kann. Auch Erzieher können die Kinder mit nicht deutscher Herkunftssprache fördern und sie durch positives Bestärken in ihrer gesamten Entwicklung unterstützen.
Es gibt bilinguale Kindergärten, die auf dem Konzept der Zweisprachigkeit basieren. Diese machen aber nur Sinn, wenn die gesprochene Zweitsprache unter allen Kindern dieselbe ist, also zum Beispiel ein deutsch-türkischer Kindergarten oder ein deutsch-spanischer Kindergarten, in dem dann die Kinder zusammenkommen, die mit dieser Zweitsprache aufwachsen.
Welchen Herausforderungen unterliegen Einrichtungen und Erzieher bei Kindern mit Migrationshintergrund?
Zu den Herausforderungen gehört, dass Kinder, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind und kein Deutsch sprechen, die Anweisungen der Erzieher nicht verstehen. Auf diese Kinder dann besonders einzugehen und auf anderen Wegen wie zum Beispiel Zeichensprache mit ihnen zu kommunizieren, erfordert Geduld und Zeit.
Andere Sprachen und die Kinder, die sie sprechen, wertzuschätzen, ist der Schlüssel zu einer sprachförderlichen Grundhaltung und Umgebung.
Aus welchen Ländern kommen die meisten Einwanderer in Deutschland?
Im Jahr 2023 stammten die meisten Zuwanderer aus folgenden Ländern:
- Ukraine: Aufgrund des anhaltenden Krieges verließen viele Menschen ihre Heimat, wodurch die Ukraine zum wichtigsten Herkunftsland für Zuwanderer wurde. Die Zahl der Flüchtlinge und Migranten aus der Ukraine nahm erheblich zu.
- Rumänien: Ein bedeutender Anteil der Zuwanderer kam weiterhin aus Rumänien, insbesondere aufgrund der EU-Freizügigkeit, die den Bürgern der EU-Länder die Einwanderung nach Deutschland erleichtert.
- Türkei: Die Türkei bleibt ein traditionell starkes Herkunftsland für Zuwanderer. Viele türkische Staatsbürger leben bereits seit Jahrzehnten in Deutschland, und auch im Jahr 2023 war die Türkei eines der wichtigsten Länder, aus denen Menschen zuwanderten.
- Polen: Auch aus Polen kamen viele Menschen nach Deutschland. Polnische Migranten machen nach wie vor einen großen Teil der Zuwanderung aus, was teils durch die geografische Nähe und die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland begünstigt wird.
Zusätzlich waren Syrien, Indien und Afghanistan weiterhin wichtige Herkunftsländer. Die Zahl der Menschen aus Syrien bleibt aufgrund der anhaltenden Kriegs- und Flüchtlingssituation hoch. Indien verzeichnete einen Anstieg, vor allem durch Fachkräfte und Studierende, die nach Deutschland kamen. Afghanistan bleibt ebenfalls ein bedeutendes Herkunftsland, da nach wie vor viele Menschen aus dem Land aufgrund von politischer Instabilität und Sicherheitsfragen nach Deutschland fliehen.
Wie gelingt Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund in der Kita?
Deutsche Kinder kennen zu Beginn der Kindergartenzeit im Schnitt 900 Wörter und erweitern ihren Wortschatz während der Zeit in der Kita auf rund 2.500 bis 3.000 Wörter. Viele Kinder mit Migrationshintergrund, die in ihrer Familie mit einer anderen Sprache aufwachsen, sprechen beim Eintritt in die Kita meist maximal 50 Wörter deutsch, wenn überhaupt. Auch Null sind nicht unüblich. Um im Laufe ihres Lebens keine Nachteile zu haben, müssen die Kinder also das Defizit an Wörtern aufholen – brauchen dafür allerdings Hilfestellung.
Erzieher sollten eine sprachförderliche Grundhaltung an den Tag legen und Kinder folgendermaßen unterstützen:
- Sich Zeit für ein Gespräch nehmen, langsam sprechen, Antworten abwarten und Kinder aussprechen lassen
- Kindern auf Augenhöhe und mit Blickkontakt begegnen
- Die Themen der Kinder aufgreifen
- Offene Fragen stellen, die Kindern die Möglichkeit geben, sich mitzuteilen
Wie lässt sich die sprachliche Barriere abbauen? Tipps und Ideen für Kitaleitungen und Erzieher
Durch Gesten und Mimik lässt sich kommunizieren, wenn die Sprache nicht ausreicht. Lächeln, auf Dinge zeigen, Kopf schütteln, nicken – all diese Gesten helfen den Kindern mit Migrationshintergrund beim Verständnis und wenn dann die entsprechenden deutschen Worte dazu gesagt werden, lernen Sie diese mit der Zeit ganz nebenbei. Auch über Fotos und Bilder können den Kindern Tagesabläufe nahegelegt werden.
Dennoch sollten die Erzieher darauf achten, mit den Kinder auch in ausführlichen und grammatikalisch korrekten Sätzen zu kommunizieren, um die Sprachkompetenz der Kinder zu fördern. Schließlich sind die pädagogischen Fachkräfte für nicht-deutschsprachige Kinder häufig der einzige Kontakt zur deutschen Sprache, wenn in der Familie Polnisch, Rumänisch oder Türkisch gesprochen wird.
Welche Praxisübungen zur Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund gibt es?
Konkrete Praxisübungen zur Sprachförderung können in den Kita-Alltag eingebaut werden. Wichtig ist, dass Sie alle Kinder mit einbeziehen:
Übung 1 zur Sprachförderung: Wer entdeckt das richtige Bild?
Für die erste Übung zur Sprachförderung brauchen Sie ein Memoryspiel mit verschiedenen Gegenständen, Tieren und Körperteilen darauf abgebildet. Alternativ dazu nehmen Sie selbst gemachte Fotos oder Gegenstände aus dem Raum, z. B. Autos, Bücher, Teddys, Gläser etc. Wichtig ist, dass Sie von jedem Begriff, den Sie zeigen, 2 Gegenstände, Karten oder Fotos haben.
Legen Sie die eine Hälfte der Karten offen vor die Kinder. Die jeweils passenden Karten bleiben verdeckt bei Ihnen als Spielleiterin. Nun holen Sie ein Kind zu sich und zeigen ihm eine Karte. Das Kind kann das Gesehene nun in wortlose Bewegung umsetzen, ohne dass es den Begriff dazu auf Deutsch kennen muss. Die mitspielenden Kinder erraten nun den Begriff. Zunächst steht das richtige Zuordnen im Vordergrund, die Ratenden zeigen nur auf das entsprechende offene Bildkärtchen. Gemeinsam mit allen Kindern benennen Sie anschließend den gespielten Begriff auf Deutsch.
Übung 2 zur Sprachförderung: Wer kennt den Namen?
Nun wird es schwieriger. Der Ablauf ist wie bei Übung 1. Die Schwierigkeit besteht nun jedoch darin, dass es keine offenen Kärtchen mehr gibt, auf die gezeigt werden kann. Die Kinder müssen zum Erraten den Begriff benennen. Die Sprachübung wird durch zu viele Begriffe sehr schwer. Üben Sie die gezeigten Begriffe lieber mehrmals und intensiver. Lassen Sie sich dabei Zeit und achten Sie darauf, dass jedes Kind die Begriffe benennt. Durch Wiederholungen merken sich die Kinder die Verbindung zwischen dem vorgezeigten Begriff und dem deutschen Wort leichter.
Übung 3 zur Sprachförderung: Guten Morgen-Ritual
Gestalten Sie das Guten Morgen-Ritual mehrsprachig, sodass sich jedes Kind willkommen fühlt. Außerdem können so auch die deutschsprachigen Kinder Worte in einer neuen Sprache lernen.
Übung 4 zur Sprachförderung: Gegenstände erraten
Diese Übung verbindet die Schärfung des Tast- und Geruchssinns in Kombination mit dem Erlernen neuer Wörter. Befüllen Sie kleine Säckchen mit markanten Gegenständen und lassen Sie die Kinder fühlen und raten. Auch mit Gerüchen funktioniert das Spiel, indem Sie Zimtstangen, Orangen oder Vanille in die Säckchen füllen und die Kinder schnuppern und rätseln lassen. So werden neue Wörter spielend gelernt.
Übung 5 zur Sprachförderung: Wortschatz-Tanz
Für diese Übung brauchen Sie Musik und Karten mit Bildern von alltäglichen Gegenständen, Tieren oder Aktivitäten. Während die Musik spielt, tanzen die Kinder im Raum. Wenn die Musik stoppt, zeigt die Spielleiterin ein Bild, und das Kind, das als erstes das abgebildete Wort laut ausspricht und vielleicht eine passende Bewegung dazu macht, gewinnt einen Punkt. Diese Übung fördert die Wortschatzvermittlung und die Bewegungskoordination und sorgt für eine spielerische Integration von Sprache und Körper.
Übung 6 zur Sprachförderung: Was fehlt?
Diese Übung eignet sich hervorragend, um die Kinder auf eine spielerische Weise zu fordern. Stellen Sie eine Gruppe von Objekten oder Bilderkarten auf einen Tisch. Lassen Sie die Kinder die Gegenstände oder Bilder benennen. Dann lassen Sie eines der Objekte oder Karten verschwinden, ohne dass die Kinder es sehen. Die Aufgabe der Kinder ist es nun, das fehlende Objekt zu erraten und es zu benennen. Diese Übung schärft das Gedächtnis der Kinder und hilft ihnen, sich neue Wörter besser einzuprägen.
Welche weiteren Ideen zur Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund gibt es?
Werden Sie kreativ, wenn es um die Sprachförderung geht:
- Informieren Sie sich über Spiele aus den Heimatländern der jeweiligen Kinder und integrieren Sie diese in den Kita-Alltag.
- Nutzen Sie täglich wiederkehrende Routinen, um Wörter und Sätze immer wieder zu üben. Redewendungen werden von Kindern häufig schnell verstanden – wenn Sie diese rhythmisch-musikalisch begleiten, werden die neuen Wörter noch besser verinnerlicht.
- Arbeiten Sie mit Bildkarten, um zum Beispiel Stimmungen oder das Wetter auszudrücken „Ich bin fröhlich“, „Ich bin traurig“ oder „Die Sonne scheint“.
- Reime sind besonders eingängig, weshalb sie mit Abzählreimen oder Vorstellreimen arbeiten können.
- Arbeiten Sie mit Symbolen, um Abläufe aus dem Kita-Alltag zu vermitteln. Mit Bildern oder Piktogrammen können Sie beliebte Lieder und Spiele, aber auch Hinweise zum Mittagsschlaf, zum gemeinsamen Essen, zum Toilettengang oder zur Spielzeit im Freien, darstellen. Das ermöglicht auch Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse, sich mitzuteilen, Bedürfnisse zu äußern oder Lieder und Spiele auszuwählen, in dem sie darauf zeigen können. Hängen Sie außerdem Fotos aller Kinder und Erzieher an den Wänden auf, damit Kinder auch Bezug nehmen können, wenn sie die Namen noch nicht kennen oder noch nicht aussprechen können.
- Berücksichtigen Sie die Feiern anderer Kulturen. So hat in Ländern wie Polen, Griechenland, Rumänien oder Russland, in denen die orthodoxe Kirche dominiert, der Namenstag eine größere Bedeutung als der Geburtstag. Auch das Lichterfest Diwali, das jüdische Chanukka oder das muslimische Fastenbrechen Eid al-Fitr sollten Sie berücksichtigen, ebenso wie spezielle Weihnachts- oder Osterbräuche aus anderen Ländern.
- Patenschaften zwischen den Kindern können ebenfalls Sinn machen. Dabei wird einem deutschsprachigen Kind ein nicht-deutschsprachiges Kind zugeteilt. Den deutschsprachigen Kindern können dann Anregungen gegeben werden, was sie mit den nicht-deutschsprachigen Kindern spielen können und wie sie ihnen bei der Sprachentwicklung helfen können.
Wichtig ist, dass Sie beim Arbeiten mit Bildern oder Symbolen auch sprachlich begleiten. Nur wenn das Kind immer wieder neue Worte und Sätze hört, kann es seinen Wortschatz auch erweitern und die Sprache lernen.
Fazit: Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund geht nicht mal ebenso nebenbei
Die Sprachförderung von nicht-deutschsprachigen Kindern ist herausfordernd und erfordert Geduld und zusätzlichen Aufwand. Allerdings gibt es in vielen Kitas Kinder mit Migrationshintergrund, weshalb viele Erzieher an die Art des Umgangs mit den Kindern gewöhnt sind.
Über Bilder, Symbole, Karten, Zeichensprache, langsames Erklären, das Spielen mit anderen Kindern, Rituale, Reime und eine sprachförderliche Grundhaltung und Umgebung, wird das Verständnis für die deutsche Sprache schnell besser – schließlich ist das kindliche Gehirn noch sehr aufnahmefähig. Entscheidend ist, die Kinder als Bereicherung anzusehen und es ihnen nicht als Defizit auszulegen, dass sie eine andere Sprache sprechen. Denn im besten Fall können alle voneinander lernen.